Mehrsprachigkeit ist Alltag
Jugendliche in Delmenhorst verfügen über Kenntnisse in durchschnittlich drei bis vier Sprachen - mehr als 45 Prozent gaben eine andere Sprache als Deutsch als ihre Herkunftssprache an. Nach Kenntnis der Forschenden handelt es sich um die erste Erhebung überhaupt zur Sprachenvielfalt in einer mittelgroßen Stadt. Bild: studio v-zwoelf/AdobeStock
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Mehrsprachigkeit ist Alltag

Wie geht eine mittelgroße Stadt mit der Vielfalt der dort gesprochenen Sprachen um, und wie wird sie von der Mehrsprachigkeit der Menschen geprägt? Das untersuchen Oldenburger Slavisten und ihre Studierenden gemeinsam mit HWK-Fellow Yaron Matras in Delmenhorst. 

New York City, Sydney oder Berlin – die Sprachenvielfalt in den Metropolen der Welt ist wissenschaftlich gut dokumentiert. Aber was ist eigentlich mit mittelgroßen Städten? Was ist beispielsweise mit Delmenhorst? Das fragten sich der Hamburger Linguist Prof. Dr. Yaron Matras und der Oldenburger Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Jan Patrick Zeller, als sie sich vor einigen Jahren auf einer Konferenz kennen lernten. Diese Frage führte zu einem gemeinsamen Lehr- und Forschungsprojekt, das mittlerweile im dritten Semester läuft und aktuell vom Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) in Delmenhorst gefördert wird. 

Matras hatte im Rahmen eines dortigen Forschungsaufenthalts Ende 2022 in der Stadt nämlich hier und da Gesprächsfetzen in Romani aufgeschnappt: die Sprache der Sinti und Roma und damit einer von Matras‘ Forschungsschwerpunkten. Sein Interesse an der Sprachenvielfalt der Stadt war geweckt. Zeller und er entwickelten die Idee, die Mehrsprachigkeit der Menschen in Delmenhorst genauer zu untersuchen. Im Sommersemester 2025 förderte die Universität Oldenburg im Rahmen von forschen@studium das Vorhaben als Lehrprojekt, Studierende etwa der Slavistik, Anglistik, Germanistik und Sozialwissenschaften nahmen teil. Und Matras kehrte als „Associated Fellow“ zu Forschungszwecken vorübergehend zurück ans HWK. 

Schnell entstand der Kontakt zu einem Gymnasium und einer Integrierten Gesamtschule (IGS) in Delmenhorst. Das Projekt inspirierte die beiden Schulen zu einem gemeinsamen Seminarfach „Mehrsprachigkeit“, das sie seit diesem Schuljahr in der Oberstufe anbieten. Jüngstes Schlaglicht des Projekts: eine Umfrage zu Sprachkenntnissen und Sprachgebrauch, die die Schüler*innen des 11. Jahrgangs der IGS Delmenhorst in ihrem schulischen und familiären Umfeld durchgeführt haben – als angewandte Statistik-Lehreinheit im Mathematikunterricht von Lehrerin Nicola Sager. 

Erste Erhebung zu Sprachenvielfalt in deutscher Stadt seit 20 Jahren

Es sind laut Matras und seinen Oldenburger Mitstreitern Zeller und Dr. Maxim Makartsev die wohl ersten statistischen Daten zur Sprachenvielfalt in einer deutschen Stadt seit 20 Jahren; womöglich die ersten mit Bezug zu einer mittelgroßen Stadt überhaupt. „Uns ist jedenfalls nichts Vergleichbares bekannt“, sagt Zeller. Zudem sei es die erste derartige Umfrage, die von Forschenden und Jugendlichen gemeinsam geplant und durchgeführt wurde, so das HWK. 

Befragt wurden 540 Schüler*innen im Alter von 10 bis 19 Jahren, die auch Angaben zu Sprachkenntnissen und -gebrauch ihrer Familienmitglieder, Freundinnen oder Freunde machen konnten. Aus den gesammelten Daten soll laut HWK in den kommenden Monaten eine Hochrechnung entstehen, die Aussagen auch über die Gesamtbevölkerung Delmenhorsts zulässt. 

Jugendliche haben durchschnittlich Kenntnisse in drei bis vier Sprachen

Die befragten 10- bis 19-Jährigen gaben im Durchschnitt an, drei bis vier Sprachen zu sprechen. Neben Deutsch und Englisch sprechen sie eine oder zwei Herkunftssprachen und/oder zuweilen eine weitere in der Schule vermittelte Fremdsprache wie Französisch oder Spanisch. Mehr als 45 Prozent der Befragten gaben eine andere Sprache als Deutsch als Herkunftssprache an. Als Herkunftssprachen, die zuhause gesprochen werden, nannten die Jugendlichen am häufigsten Türkisch, Arabisch, Russisch, Polnisch, Kurdisch, Rumänisch, Aramäisch, Albanisch, Ukrainisch und Bulgarisch. Der Umfrage zufolge sprechen Kinder und Jugendliche ihre Herkunftssprachen am häufigsten mit ihrer Mutter, in zweiter Linie mit dem Vater, weniger häufig mit Geschwistern und selten mit Freundinnen oder Freunden. 

„Die Umfrage zeigt, dass die Mehrsprachigkeit einen integralen Bestandteil des Alltags der Jugendlichen darstellt. Gleichzeitig konnten wir durch die Befragung über den Sprachgebrauch verschiedener Generationen feststellen, dass der Gebrauch der Herkunftssprache zunehmend auf den familiären Bereich eingeschränkt wird, während das Interesse an Fremdsprachen wächst“, sagt Matras. „Kenntnisse der Herkunftssprachen gehen nicht zu Lasten der Sprachkompetenz in weiteren Sprachen“, ergänzt Zeller. 

Bei aller Mehrsprachigkeit bleibt Englisch unter den Befragten besonders verbreitet: Mehr als 80 Prozent von ihnen gaben an, Englisch zu können. Viele von ihnen gebrauchen Englisch im Alltag mit Freundinnen und Freunden und verwenden es im Rahmen ihrer Mediennutzung. Der Medienkonsum in den Herkunftssprachen findet insbesondere in Polnisch, Russisch, Rumänisch, Arabisch und Türkisch statt. Medienkonsum scheint also eine wichtige Rolle beim Erhalt von Herkunftssprachen zu spielen.

Lehrprojekt an der Uni Oldenburg geht ab Herbst weiter

Zum Abschluss von Matras‘ Forschung am HWK planen die Projektbeteiligten, Ende September einerseits weitere, noch ausstehende Auswertungen auf Basis der Umfragedaten vorzustellen – und andererseits die Auswertungen von Interviews, die den Kern der studentischen Forschung im Projekt ausmachen: mit Menschen, die in der Migrationsberatung, in Schulen, religiösen Gemeinschaften, Sonntagsschulen, Fußballvereinen oder auch als sogenannte Integrationslots*innen in Delmenhorst mit der Sprachenvielfalt zu tun haben.

„Hier geht es neben der quantitativen auch um die qualitative Forschung“, sagt Zeller. „Wir wollen wissen: Wie ist der Umgang mit der Sprachenvielfalt, welche Strategien der Verständigung gibt es, aber auch welche Strategien haben Communities, um ihren Kindern ihre Herkunftssprache weiterzugeben? Wo treffen sich Leute, wenn sie zum Beispiel Polnisch oder Kurdisch sprechen möchten?“ Kurz gesagt: „Was macht die Stadt mit der Sprachenvielfalt, und was macht die Sprachenvielfalt in der Stadt?“ Das Lehrprojekt der Slavisten Zeller und Makartsev an der Uni Oldenburg soll darüber hinaus auch im kommenden Wintersemester weitergehen. 

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