Daten schaffen Wissen
Zusammenarbeit in der Northwest Alliance als „wichtiger Schub“ auch in puncto Forschungsdatenmanagement: Energiesystem-Expertin Astrid Nieße und Umweltdaten-Experte Frank Oliver Glöckner. Bild: OFFIS / Alfred-Wegener-Institut
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Daten schaffen Wissen

Beide studierten zunächst Biologie, kamen später zur Informatik und kümmern sich heute um digitale Wissensspeicher für die Forschung: die Oldenburger Energieexpertin Astrid Nieße und der Bremer Bioinformatiker Frank Oliver Glöckner im Interview. 

Sie kümmern sich im Rahmen der Nationalen Forschungsdaten-Infrastruktur NFDI um digitale Wissensspeicher – einerseits für die Energiesystem- und andererseits für die Biodiversitätsforschung. Welchen Unterschied machen Daten für die Forschung? 

Glöckner: Wissen schaffen ohne Daten, das kann es nicht geben. In diesem Sinne ist die NDFI eine Infrastruktur, um Wissenschaft überhaupt zu ermöglichen. Beispiel Biodiversitätsforschung: Ohne eine breite Information, was da draußen überhaupt ist, können wir auch nicht erfahren, was uns in der Zukunft fehlen wird oder könnte. Oder Meteorologie: Als während der Corona-Pandemie weniger Flugzeuge flogen, deren Unterwegsdaten in die Darstellung und Vorhersagen von Wetter einfließen, waren Wettervorhersagen weniger akkurat. Das Problem solcher Datenlücken kann man im Grunde auf alle Bereiche übertragen, ob Klimawandel und Erderwärmung oder auch Biodiversitätsforschung. Je dichter wir unseren Teppich aus Daten weben und diese auch zur Verfügung stellen, desto besser ist das, was wir in Zukunft evidenzbasiert auch an die Politik geben können. 

Etwa als Entscheidungsgrundlage in der Klima- oder Umweltpolitik. 

Ja. Daten sind die Grundlage, und wir sind der Überzeugung, dass sie auch allen zur Verfügung stehen müssten. Deswegen bemüht sich die NFDI darum, diese Daten zu mobilisieren, in öffentlich verfügbaren Repositorien abzulegen, und dann eben auch denen Zugriff zu geben, die sie vielleicht nicht in diesem Umfang und dieser Breite selbst erheben können. Denken wir an den globalen Süden, der auch unter dem Klimawandel oder einer Abnahme von Biodiversität leidet. 

Nieße: Auch bei uns geht es weniger um einen reinen Datenspeicher, sondern vielmehr um den Umgang mit Daten als digitalen Objekten. Das heißt, dass wir es unseren Forschenden ermöglichen, kompetent mit Daten zu arbeiten. Nehmen wir als Beispiel gemeinsam entwickelte Energieszenarien, die digital zur Verfügung gestellt werden und damit auch zu einer besseren Vergleichbarkeit führen. Bei der Veröffentlichung von Daten kann allerdings die Zusammenarbeit mit der Industrie eine Hürde sein, weil wirtschaftliche Interessen, vertragliche Bindungen oder rechtliche Anforderungen teils im Widerspruch zu den Transparenz-Prinzipien von „Open Science“ stehen. 

Glöckner: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Anders als in der Energieforschung sind wir in der Biodiversitäts- und Klimaforschung in der privilegierten Situation, dass wir unsere Daten öffentlich verfügbar machen können, weil sie ein öffentliches Gut sind, mit Steuergeldern erhoben. Das ist natürlich in der Energiewirtschaft oder etwa in der Medizin anders, wo sich Datenschutzfragen stellen. 

Ungeachtet dieser unterschiedlichen Themen: Im Rahmen der von Ihnen beiden geleiteten NFDI-Konsortien stehen Sie auch vor gemeinsamen Herausforderungen…

Nieße: Das stimmt. Denn letztlich geht es um nicht weniger als einen Kulturwandel. 

Glöckner: Genau, es braucht ein Umdenken: Im Vordergrund steht das Allgemeingut und auch ein Bewusstsein, dass Daten und speziell beschreibende Informationen – die Metadaten – auch unabhängig etwa von einer Publikation publiziert werden sollten. Diesen Weg müssen wir gemeinsam mit der Fachcommunity beschreiten und das eben auch von Anfang an mitdenken – denn Daten ohne Kontext gebende Metadaten sind total nutzlos. 

Das heißt, Sie müssen oder mussten auch bei Forschenden erstmal Überzeugungsarbeit leisten? 

Nieße: Ja, und das zeigt schon: Neben der Entwicklung von Daten-Services geht es auch darum zu vermitteln, dass und wie Forschung sich verändert. Dass es eben nicht mehr darum geht, mit dem erarbeiteten Fundus an Daten und Modellen im abgeschlossenen Raum zu forschen, sondern um gemeinsame datenbasierte Forschung. Das ist tatsächlich ein echter Paradigmenwechsel! Und den machen auch nicht alle mit. Dieser Wandel braucht hier und da auch einen Generationenwechsel und wird nicht in jedem Umfeld gelingen. „Meine Daten, mein Modell?“ – so habe ich schon mal einen Titel für eine Keynote gewählt.

Glöckner: Was du da beschreibst, erinnert mich an meine Anfangszeit im Labor.  Da galt: Mein Experiment, meine Daten, mein Paper. Da hat man nicht daran gedacht, seine Daten mit anderen auszutauschen. Meine gesamte Diplomarbeit passte damals allerdings auch noch auf eine Diskette, meine Doktorarbeit auf ein ZIP-Laufwerk. Heutzutage hingegen produziert man in den Natur- und Lebenswissenschaften Unmengen an Daten, die ein Einzelner kaum noch allein auswerten kann. Somit hat die Umweltforschung den beschriebenen Wandel wohl schon früher vollzogen. 

Inwiefern?

Nehmen Sie als Beispiel ein Forschungsschiff. Hier müssen alle zusammenarbeiten. Der eine nimmt Tiefenprofile, die andere sammelt mit einer Kamera am Meeresboden Informationen, der nächste erfasst die Seismik, eine weitere macht Umweltphysik und, und, und. Da hat man eigentlich schon immer versucht, diese Daten zu verknüpfen, also auszutauschen und verfügbar zu machen.

Sie leiten ja auch das Datenrepositorium PANGAEA am Alfred-Wegener-Institut und der Uni Bremen, das seit mehr als 30 Jahren genau solchen Daten und Metadaten eine Plattform bietet. 

Genau, da sind wir in den Umweltwissenschaften wohl in einer besonderen Situation gegenüber anderen Forschungsfeldern.  Auch in der Umweltforschung muss natürlich nicht immer alles sofort öffentlich sein, gerade bei immens aufwändiger Datenerhebung über einen langen Zeitraum, dafür bieten wir die Möglichkeit an, Daten mit einem „Moratorium“ von bis zu zwei Jahren zu belegen. Aber wir agieren immer nach den FAIR-Prinzipien: Forschungsdaten sollen „findable“, „accessible“, „interoperable“ und „reusable“ sein, also auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar. 

Nieße: Auch in der Energiesystemforschung nähern wir uns dem weiter an. Da hilft der Fachcommunity-Ansatz der NFDI. Wir müssen die spezifischen Probleme in den jeweiligen Fachdisziplinen oder den interdisziplinären Communities verstehen und genau dafür auch eine Lösung anbieten. Und wir sehen allmählich auch in anderen Disziplinen, dass es zunehmend mehr um die Nutzung von Daten denn um deren Besitz geht. 

NFDI4Energy und NFDI4Biodiversity existieren unterschiedlich lange. Wie weit sind Sie gekommen, welche Etappenziele haben Sie vielleicht schon erreicht? 

Nieße: Wir sind mit NFDI4Energy vor drei Jahren gestartet und haben gerade den ersten Zwischenbericht abgegeben. Es ging für uns anfangs vor allem darum, selber zu verstehen und der Fachcommunity zu vermitteln: Was sind die Potenziale, die ein gutes Forschungsdatenmanagement bietet? Da haben wir eng mit Konsortien aus den vorherigen Förderrunden zusammengearbeitet, uns angeschaut, was schon an Services entwickelt wurde, auch, um diese dann spezifisch für die Energiesystemforschung anzupassen und daneben eigene Services zu entwickeln. 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Da gibt es etwa die Open Energy Plattform, die schon über viele Jahre entwickelt wurde, die wir aufgenommen haben und anpassen, so wie wir sie brauchen. Wir haben auch geschaut: Was passiert in den Ingenieurwissenschaften, in den Sozialwissenschaften, und was können wir von da für unsere Forschenden aufnehmen? Wo können wir Mehrwerte durch gutes Forschungsdatenmanagement greifbar machen? Das heißt, wir haben sehr gezielt Beispiele entwickelt, Showcases, die verdeutlichen, wie das die Arbeit der einzelnen Forschenden konkret verbessert, nachvollziehbarer und reproduzierbarer macht.

Glöckner: Das alles in einer Zeit, in der sich generell das Bewusstsein zum Thema Daten verändert, was nicht zuletzt an der Trump-Administration in den USA liegt. Gezielte Budgetkürzungen, inhaltliche Einschränkungen und das Löschen unbequemer Informationen resultierten darin, dass plötzlich Daten verschwunden waren. Das führte – neben der wissenschaftlichen Community – auch der Gesellschaft noch deutlicher vor Augen, wie wichtig eigentlich Daten sind und dass man nicht davon ausgehen kann, dass sie einfach da sind. Nicht zuletzt in der Umweltforschung gab es relativ viel Aufruhr nach den Massenentlassungen bei der US-amerikanischen Ozeanografie- und Wetterbehörde NOAA… 

… die ja einhergingen mit einem zunehmend eingeschränkten Zugriff auf deren Klima- und Umweltdaten, die Sie teilweise mit PANGAEA nun bereits gesichert haben. 

Genau. Dieses gewachsene Bewusstsein für den Wert der Forschungsdaten spiegelt sich darin, dass auch maßgebliche wissenschaftliche Zeitschriften inzwischen deren Hinterlegen in öffentlichen Repositorien voraussetzen, um ein darauf basierendes Paper dort zu veröffentlichen. Und ich glaube, die NFDI-Konsortien haben schon dazu beigetragen, das Thema Daten und deren Rettung auch weiter oben auf der politischen Agenda zu verankern. Nun braucht es eine grundsätzliche Entscheidung der EU, wo sie in zehn Jahren in puncto Datensouveränität stehen möchte. 

Frau Nieße, Sie sind auch Sprecherin des Strategieausschusses der NFDI. Welche Bedeutung hat denn eine ausgewiesen nationale Dateninfrastruktur in einer Zeit, in der Forschung und Forschende und die Sicherheit von Daten in manchen Regionen der Welt zunehmend unter Druck stehen? 

Nieße: Grundsätzlich muss die Nationale Forschungsdateninfrastruktur verstetigt werden. Da stellen sich Fragen nach Geld, nach Personal, aber auch: Was passiert zum Beispiel, wenn ein Partner im Netzwerk nicht mehr da ist, oder eine wichtige Infrastruktur? Die NFDI hat – noch – ein projektartiges Förderungsschema – was uns aber bei einer langfristigen Aufrechterhaltung eines Services nicht hilft. Der Kulturwandel, und damit ein Wandel im ganzen Wissenschaftssystem benötigt nach dieser hervorragenden Anschubfinanzierung eine infrastrukturbezogene Dauerfinanzierung.

Glöckner: Wir müssen deshalb in eine Situation kommen, dass wir die Grundhaushalte der entsprechenden Institute aufstocken, damit sie dauerhaft diese Leistung für die NFDI erbringen können. So ist zumindest die Situation bei NFDI4Biodiversity. 

Nieße: Im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung steht erfreulicherweise, dass die NFDI verstetigt wird – was das genau heißen soll, wird gerade auf der politischen Seite erarbeitet. Die Zusammenarbeit unserer beiden Universitäten in der Northwest Alliance kann uns hier einen wichtigen Schub geben.

Inwieweit stützt denn die von Ihnen koordinierte Forschungsdateninfrastruktur und die damit einhergehende Expertise in Bremen und Oldenburg die exzellenten Forschungsbedingungen in der Northwest Alliance? 

Nieße: Im Potenzialbereich „Green Energy Transition“, den wir in der Northwest Alliance entwickeln und zu nachhaltiger Exzellenz bringen wollen, können wir mit der Verortung von NFDI4Energy an der Uni Oldenburg eine sehr gute Grundlage für ein gemeinsames Forschungsdatenmanagement schaffen. Die Uni Bremen ist unter anderem mit dem Bremer Forschungszentrum für Energiesysteme, dem BEST, an Bord. Wir arbeiten wir bereits eng zusammen, alle Akteure sind vernetzt und kooperieren auf unterschiedlichen Ebenen. Für mich ist das eine sehr gute Grundlage für exzellente Energiesystemforschung. 

Glöckner: In Bremen haben wir die glückliche Situation, dass wir an insgesamt zwölf Konsortien der NFDI beteiligt sind und somit über eine breite Expertise verfügen. Plus das regionale Datenkompetenzzentrum DataNord, dessen Herzstück die Universität Bremen gerade gemeinsam mit dem Land Bremen zu verstetigen versucht. Wir sind schon im Austausch, wie wir DataNord als gemeinsame Aktivität der Northwest Alliance ausbauen können. Es gibt viele Dinge, die muss man eben nicht neu erfinden, da ist PANGAEA ebenfalls ein Beispiel. Die Grundinfrastruktur steht, und ich glaube, da sind wir einfach mit Oldenburg in einer sehr guten Situation, da wir ja auch viele gemeinsame Forschungsinteressen haben. Da sind viele Anknüpfungspunkte, und das könnte die gesamte Forschungsregion noch weiter stärken.

Kontakt

Northwest Alliance

Universität Bremen

Referentin des Rektorats für Exzellenz und strategische Hochschulentwicklung
Maike Koschorreck

Hochschulkommunikation und -marketing

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Persönliche Referentin des Präsidenten
Alke Freese

Stabsstelle Presse & Kommunikation