Spitzenforschung im Nordwesten gibt es nicht nur in Oldenburg und Bremen, sondern auch in Delmenhorst: Das Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) bringt jährlich rund 50 internationale Fellows zusammen.
Davon profitieren nicht nur die Forschenden selbst: Das HWK stärkt auch die Verbindungen zwischen den Forschungsinstitutionen der Region. „Das Hanse-Wissenschaftskolleg ist ein ganz besonderer Ort. Hier habe ich Zeit gefunden, über interessante Themen nachzudenken, die angesichts der Anforderungen des akademischen Alltags oft in den Hintergrund geraten. Die Möglichkeit, mich mit Forscher:innen außerhalb meines Fachgebiets auszutauschen, war wirklich einzigartig und etwas, das während eines regulären Universitätssemesters selten möglich ist.“ Dieses Fazit zieht der britische Meeresbiologe Professor Peter Clift von seinen Aufenthalten am Hanse-Wissenschaftskolleg. Und es ist eines, das viele Forschende aus aller Welt teilen dürften.
Seit seiner Eröffnung im Jahr 1997 sind jährlich rund 50 Forschende aus aller Welt in Delmenhorst zu Gast – Professor:innen ebenso wie „Artists in Residence“, also Schriftsteller:innen oder Künstler:innen. Allein in diesem Jahr kommen sie aus 22 verschiedenen Ländern. Als Institute for Advanced Study bietet das HWK seinen Fellows bis zu zehn Monaten Zeit für ein frei gewähltes Projekt: Sie sind von administrativen und didaktischen Verpflichtungen befreit und können sich vollständig auf ihre Forschung konzentrieren – für viele ein lang ersehnter Freiraum.
Die Fellows profitieren dabei vom Austausch auf dem Campus: in Vorträgen, Gesprächen und informellen Begegnungen zwischen den Disziplinen, den Denkschulen und den Wissenschaftskulturen. Zwei Drittel von ihnen kooperieren in ihren Forschungsprojekten mit Wissenschaftler:innen aus Bremen, Oldenburg oder gleich von beiden Hochschulen und machen das HWK so zu einer Brücke zwischen den beiden Standorten.
Von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt
Diese Kooperation mit Forschungseinrichtungen in Bremen und Oldenburg war von Anfang an so angelegt. Schließlich erarbeiteten Ulrich Preuß, Gründungsbeauftragter der Universität Bremen, und Thomas Blanke, Professor an der Universität Oldenburg, gemeinsam die Statuten des Hanse-Wissenschaftskollegs. Ihr Ziel war es, unterschiedliche Disziplinen sowie die wissenschaftlichen Schwerpunkte beider Hochschulen miteinander zu verbinden. Auf dieser Grundlage entstanden die wissenschaftlichen Schwerpunkte des HWK.
Wie auch die Hochschulen selbst haben sie sich seitdem weiterentwickelt. Heute können sich Fellows in fünf Bereichen bewerben: Brain and Mind (Neuro- und Kognitionswissenschaften sowie verwandte Disziplinen), Earth (Erde, Meer und Klima), Technology and Science (Mathematik, Physik, Chemie, Informatik, Ingenieurwissenschaften, Energieforschung, Luft- und Raumfahrt sowie Astronomie und Astrophysik), Society (Sozial-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaften) sowie Arts and Literature (interdisziplinäre Zusammenarbeit von Wissenschaft, Kunst und Literatur). Sie bündeln die Forschungsstärken der beiden Hochschulen und bieten gleichzeitig Raum für eine große Vielfalt an Themen und Perspektiven.
„Die Dichte an gut ausgestatteten Forschungsinstitutionen ist einmalig“
Wie diese Zusammenarbeit konkret aussieht, zeigt das Beispiel von Andreas Teske. Er ist Professor am Department of Marine Sciences der University of North Carolina at Chapel Hill (USA) und war seit 2007 bereits viermal Fellow am HWK. Aktuell ist er wieder dort und erforscht mit Professor Thorsten Dittmar von der Universität Oldenburg, Professor Kai-Uwe Hinrichs von der Universität Bremen und Dr. Gunter Wegener vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen, wie Mikroorganismen fossiles Kohlenstoffmaterial wie Erdöl und Gas unterhalb des Meeresbodens nutzen und wie diese Prozesse die globalen Kohlenstoffkreisläufe beeinflussen.
„Am Hanse-Wissenschaftskolleg bin ich umgeben von meereswissenschaftlichen Spitzeneinrichtungen wie den Universitäten, dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, dem MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen, dem Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität Oldenburg oder dem Alfred-Wegener-Institut“, sagt er. „Diese Dichte an sehr gut ausgestatteten Forschungseinrichtungen ist einzigartig. Gleichzeitig ist unsere Zusammenarbeit sehr kollegial. Es gibt keine Konkurrenz, sondern im Gegenteil sind alle davon überzeugt, dass wir gemeinsam am weitesten kommen.“
Study Groups: Raum für Austausch und neue Kooperationen
Weitere Kooperationen entstehen durch die sogenannten Study Groups. Dieses Format des HWK zielt darauf ab, aktuelle und ehemalige Fellows sowie externe Forschende miteinander ins Gespräch zu bringen. Das Kolleg unterstützt die Gruppen durch regelmäßige Workshops in Delmenhorst.
In zahlreichen Study Groups arbeiten Forschende aus Bremen und Oldenburg zusammen. Die Themen reichen von Diversität in der Pädagogik bis zu interdisziplinärer Musikforschung. Wie produktiv dieser Austausch sein kann, zeigt die Gruppe „Fiction meets Science“ rund um den Soziologen Uwe Schimank von der Universität Bremen und den Literaturwissenschaftler Anton Kirchhofer von der Universität Oldenburg. Seit 2011 untersuchen sie, wie Romane Wissenschaft und das Leben von Forschenden darstellen. Zu den Beteiligten zählen neben Wissenschaftler:innen aus Bremen und Oldenburg auch internationale Partner – etwa von der Universität Cardiff.
Aus dem Projekt ist ein internationales Forschungsnetzwerk hervorgegangen, das wiederholt von der VolkswagenStiftung gefördert wurde und einen Rahmen für neue Forschungsprojekte sowie die Förderung von Nachwuchswissenschaftler:innen bietet. Damit steht „Fiction meets Science“ beispielhaft für das, was das Hanse-Wissenschaftskolleg ausmacht: ein Ort, an dem Disziplinen zusammenkommen, neue, unkonventionelle Ideen entstehen und langfristige Kooperationen wachsen – zwischen Delmenhorst, Oldenburg und Bremen und darüber hinaus.
