Ein Plan für den Meeresschutz auf hoher See
Das Hochseeschutzabkommen der Vereinten Nationen soll die biologische Vielfalt in internationalen Gewässern besser schützen. Bild: @ Seal Photographs
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Ein Plan für den Meeresschutz auf hoher See

Mit dem Inkrafttreten des UN-Hochseeschutzabkommens im Januar stellen sich viele Fragen. Besonders dringend: Wo sollen bis 2030 Schutzgebiete entstehen? Forschende der Universitäten Oldenburg und Bremen untersuchen dies gemeinsam im Projekt AGELESS. 

Mitten im Atlantik zwischen Island und den Azoren, etwa auf dem gleichen Breitengrad wie Oldenburg, liegt ein besonderes Areal: das Charlie-Gibbs-Meeresschutzgebiet, etwa halb so groß wie Deutschland und Heimat von Blauwalen, Lederschildkröten, seltenen Tiefseehaien und Kolonien von Kaltwasserkorallen. 

Das Besondere an dem Schutzgebiet ist nicht allein die reiche biologische Vielfalt, sondern vielmehr die Tatsache, dass es sich in internationalen Gewässern befindet – als eines von wenigen Meeresschutzgebieten weltweit. Die hohe See, oder genauer: „Gebiete außerhalb der Gerichtsbarkeit von Nationalstaaten“, macht rund 40 Prozent der Erdoberfläche aus. Aber nur 1,5 Prozent davon stehen vertraglich unter Schutz. 

Das soll sich nun ändern. Am 17. Januar trat das UN-Hochseeschutzabkommen in Kraft. „Mit dem Abkommen gibt es für diesen Teil der Meere zum ersten Mal ein Gerüst für Gesetze“, erklärt der Oldenburger Meeresschutzexperte Dr. Jan-Claas Dajka. Bislang existierten für die Nutzung von Ressourcen auf hoher See keine verbindlichen Regeln. „Eine Wildwest-Situation“, so beschreibt es der Forscher vom Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg (HIFMB). 

Bis 2030 sollen 30 Prozent der internationalen Gewässer unter Schutz stehen

Bis Anfang März hatten 86 Länder das Abkommen ratifiziert, also in nationale Gesetze überführt. Bei 60 weiteren – darunter Deutschland, wo der Bundestag die zugrundeliegenden Gesetze Ende Februar beschlossen hat – ist der Prozess noch im Gang. Der Rahmen für den Hochseeschutz ist klar: Die Vertragspartner haben sich unter anderem das Ziel gesetzt, 30 Prozent der Fläche der internationalen Gewässer bis 2030 unter Schutz zu stellen. In den Schutzgebieten könnte etwa menschliche Nutzung wie Fischerei, Schifffahrt, oder auch Tiefseebergbau eingeschränkt werden. Weiterhin sollen unter anderem potenziell schädliche Aktivitäten einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen werden und der Nutzen aus genetischen Ressourcen soll gerecht auf alle Länder verteilt werden. 

Doch viele Details sind noch unklar – und müssen nun in nur dreieinhalb Jahren geklärt werden: Wo sollen Schutzgebiete liegen? Nach welchen Kriterien werden sie eingerichtet? Wer überwacht, dass die Regeln auch eingehalten werden? Was passiert bei Streitigkeiten? Vor allem mit den ersten beiden Fragen befasst sich das vom Bundesforschungsministerium (BMFTR) geförderte Projekt AGELESS (Leveraging long-term planktonic diversity data to develop a framework to assess and protect biodiversity in areas beyond national jurisdiction), in dem Forschende der Universität Bremen eng mit Oldenburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vom HIFMB und von der Universität zusammenarbeiten. Die Koordination liegt bei Prof. Dr. Michal Kucera und Dr. Lukas Jonkers von der Universität Bremen.

Das Team will zum einen die Veränderungen der biologischen Vielfalt im Meer durch den Klimawandel besser verstehen, zum anderen konkrete Empfehlungen für den besseren Schutz der marinen Biodiversität entwickeln. 

Marine Ökosysteme verlagern sich durch den Klimawandel 

Eine zentrale Frage, die das Team untersucht: Werden sich biologisch bedeutsame Lebensgemeinschaften wie im Charlie-Gibbs-Gebiet in einigen Jahrzehnten immer noch an der gleichen Stelle befinden? Durch den Klimawandel ändern sich schließlich Wassertemperaturen, Strömungen, Nährstoffzufuhr und weitere Lebensbedingungen. „Diese Veränderungen müssen in Schutzkonzepten berücksichtigt werden“, betont Dajka.

Den Ausgangspunkt, um diese Frage zu klären, bilden einige der kleinsten Meeresbewohner – Planktongemeinschaften. Die Forschenden untersuchen die Fossilien von Einzellern, die sich im Meeresboden abgelagert haben. Anhand von Sedimentkernen lassen sich Zeitreihen über die Zusammensetzung der Planktongemeinschaften aufstellen, die bis zu 65 Millionen Jahre in die Vergangenheit reichen. So kann das Team untersuchen, wie das Plankton auf frühere Klimaveränderungen reagiert hat und daraus Schlüsse über Veränderungen der Biodiversität insgesamt ziehen. „Besonders konzentrieren wir uns auf die letzten 130.000 Jahre – die letzte Eiszeit und die davorliegende Warmzeit – um zu schauen, ob es in dieser Zeit Umweltsituationen gab, wie wir sie für die Zukunft erwarten“, erklärt Projektkoordinator Lukas Jonkers, Paläoozeanograph am MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen. 

Zum anderen betrachtet das Team auch moderne Gemeinschaften der Einzeller. „Es ist wichtig, die Mechanismen zu verstehen, die den Veränderungen der Biodiversität zugrunde liegen“, betont Jonkers. Anhand vom Simulationen untersuchen die Forschenden, wie sich der Klimawandel auf die höheren Ebenen des Nahrungsnetzes auswirkt – also etwa auf Wale, Haie, Korallen oder Tintenfische. Entsprechende Computermodelle entwickelt der Oldenburger Modellierer Prof. Dr. Bernd Blasius.

Beim Dialog mit Interessenvertretern entstehen gemeinsame Handlungsempfehlungen 

Was aus diesen Erkenntnissen etwa für die Ausweisung von Schutzgebieten folgt, ist Thema eines Dialogs mit beteiligten Interessengruppen, von Bundesbehörden bis zu Industrieverbänden und Nichtregierungsorganisationen. Hierfür bereitet ein Team um Dajka, den Oldenburger Meeresexperten Prof. Dr. Helmut Hillebrand und den Umweltökonomen Prof. Dr. Bernd Siebenhüner die wichtigsten Projektergebnisse gemeinsam mit diesen Stakeholdern für die Politik auf, damit es eine gemeinsame Wissensbasis gibt.

Zudem sind die Forschenden mit Fachleuten etwa vom Bundesamt für Naturschutz, vom Bundesumweltministerium, vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie sowie von Umwelt- und Fischereiverbänden im Gespräch. Ziel ist es, gemeinsam Handlungsempfehlungen zu entwerfen, die sowohl die Belange der Interessengruppen als auch wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen. 

Dabei baut das Team auf die sozialwissenschaftliche Forschung im Projekt auf. „Wir beschäftigen uns damit, welche Management-Konzepte geeignet sind, um die Biodiversität auf hoher See zu schützen, und wir untersuchen, wie im Rahmen des UN-Hochseeschutzabkommens sogenannten Science-Policy Interfaces gestaltet werden sollten, also Gremien aus Wissenschafts- und Politikvertreter*innen“, erklärt Dr. Torsten Grothmann von der Oldenburger Arbeitsgruppe Ökologische Ökonomie. Ziel ist auch, dass die im Projekt entwickelten Empfehlungen in internationale Regelungen zu Schutzgebieten einfließen. Die erste Konferenz der Vertragsstaaten soll innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten des Hochseeschutzabkommens stattfinden. 

Wenn wir die Stakeholder überzeugen können, dass es wichtig ist, bei der Ausweisung von Schutzgebieten über Klimaveränderungen nachzudenken, haben wir schon viel erreicht. 

Lukas Jonkers, Paläoozeanograph

„Die Interaktion mit den Stakeholdern kommt gut voran“, berichtet Projektkoordinator Jonkers. Im Mai findet ein Workshop mit den Beteiligten in Berlin statt, anschließend stellt das Team die Ergebnisse Bundestagsabgeordneten vor. Für 2027 ist ein weiteres Dialogforum geplant. „Sehr positiv ist es, dass alle Stakeholder bereit sind, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen um konstruktiv voranzukommen, das Gesprächsklima ist sehr kooperativ“, so Jan-Claas Dajkas bisherige Erfahrungen. 

Für den Naturwissenschaftler Lukas Jonkers ist das Projekt besonders spannend wegen des starken Anwendungsbezugs und der engen Zusammenarbeit mit Oldenburger Forschenden aus den Sozialwissenschaften – auch wenn es nicht immer leichtfällt: „Die größte Herausforderung bestand zunächst darin, eine gemeinsame Sprache zu finden“, berichtet er. Gleichzeitig könnten beide Seiten viel voneinander lernen und gemeinsam einiges bewegen. Jonkers Hoffnung: „Wenn wir die Stakeholder überzeugen können, dass es wichtig ist, bei der Ausweisung von Schutzgebieten über Klimaveränderungen nachzudenken, haben wir schon viel erreicht.“ 

Kontakt

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