Mit der Northwest Alliance gehen die Universität Bremen und die Universität Oldenburg einen gemeinsamen Weg im Wettbewerb um Exzellenz. Im Interview erläutert Rektorin Jutta Günther, warum die Kooperation für beide Universitäten ein strategischer Schritt ist, wie der Verbund strukturell Mehrwert schafft und weshalb gesellschaftliche Verantwortung ein zentraler Baustein der gemeinsamen Vision ist.
Frau Günther, die Universität Bremen war mit zwei Exzellenzclustern sehr erfolgreich und hätte sich auch allein um den Titel der Exzellenzuniversität bewerben können. Warum haben Sie sich bewusst für den gemeinsamen Weg mit der Universität Oldenburg entschieden?
Weil uns mit der Universität Oldenburg eine lange Kooperationsgeschichte sowie räumliche und kulturelle Nähe verbindet. Wir sind gleich alt, ähnlich groß und offen für neue Wege. Und wir haben einen Exzellenzcluster, nämlich den Ozeanboden, erstmals gemeinsam eingeworben. Beide Universitäten kommen langsam an die Grenzen dessen, was sie jeweils alleine zusätzlich entwickeln können. Wir sind jetzt also genau an dem Punkt, Forschungsfelder und Lernräume in einer Partnerschaft auf Augenhöhe weiterzuentwickeln. Dabei kommt uns zugute, dass sich unserer Profile gut ergänzen – Forschungsfelder werden nicht dupliziert, sondern komplettieren sich, werden gemeinsam stärker und innovativer.
Was verbindet die Unis Bremen und Oldenburg historisch und kulturell?
Beide wurden vor gut 50 Jahren als Reformuniversitäten gegründet. Das heißt, sie waren Orte des Erprobens und Experimentierens mit neuen Ansätzen in Forschung und Lehre, in der Organisationsstruktur und der Architektur. Zu den Reformen gehörten beispielsweise das projektbasierte Lehren und Lernen, die Interdisziplinarität, der Verzicht auf Lehrstühle und Fakultäten sowie eine starke Betonung der gesellschaftlichen Verantwortung und Praxisrelevanz. Natürlich ist nicht alles erhalten geblieben, die Universitäten haben sich weiterentwickelt, aber der Reformgeist, die Agilität, die Kooperationsbereitschaft über Fächergrenzen hinweg sind geblieben. Oldenburg ist stark in der Lehrer:innenbildung, beide Unis betonen Fragen der Nachhaltigkeit in Forschung und Lehre. Wo vormals von Praxisrelevanz die Rede war, setzen wir heute auf Impact und Engagement. Eines ist sicher: Exzellenz in gesellschaftlicher Verantwortung prägt an beiden Standorten Forschung und Lehre.
Zugleich unterscheiden sich beide Universitäten auch. Warum ist das ein Vorteil?
Wir sind in vielen Feldern komplementär aufgestellt, das heißt, wir verfügen in einem Fachgebiet über sich ergänzende Spezialisierungen. Beispielsweise in den Meereswissenschaften: Bremen ist geowissenschaftlich spezialisiert, Oldenburg im Bereich der Biodiversität der Meere. Ähnlich in den Gesundheitswissenschaften: während Oldenburg gemeinsam mit Groningen Mediziner ausbildet, bringt sich Bremen im Bereich Public Health und Medizintechnik ein. So ließen sich die Beispiele fortsetzen.
Zugleich gibt es auch klare Unterschiede. In Bremen gibt es keinen Medizinstudiengang, dafür bilden wir Ingenieure aus. Oldenburg hat einen deutlichen und weithin bekannten Schwerpunkt in der Lehrer:innenbildung, während Bremen wiederum Jurist:innen (Staatsexamen) ausbildet. Diese Unterschiede sind kein Hindernis für die Partnerschaft, sondern stärken die jeweilige Eigenständigkeit.
Was ist die Northwest Alliance konkret: ein strategisches Dach, ein Forschungsverbund, eine neue Organisationsform oder alles zusammen?
Im Kern sind wir der strategische Verbund der beiden Universitäten. Nach langer bilateraler Zusammenarbeit haben wir im Januar 2025 die Allianz gegründet. Zugleich haben wir zwei strategische Partner assoziiert, die Universität Groningen und das Hanse Wissenschaftskolleg. Zusammen mit den zahlreichen außeruniversitären Instituten vor Ort und den vielfältigen, immer wichtiger werdenden nicht-akademischen Partnern aus Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung und Zivilgesellschaft wollen wir perspektivisch einen starken Forschungs- und Transferraum im Nordwesten schaffen. Dazu haben wir uns auch eine Governance Struktur gegeben, einen verbindlichen Rahmen. Wir treffen uns regelmäßig, planen große Vorhaben gemeinsam und binden die Mitglieder beider Unis eng ein..
„Governance Struktur“ ist ein wichtiges Stichwort. Wie stellen Sie sicher, dass die Kooperation Mehrwert schafft statt zusätzliche Verwaltung?
Der Mehrwert entsteht durch Verbindlichkeit, vor allem bei der Professurenplanung. Professuren sind die zentrale Steuerungsgröße für den Universitätsbetrieb. Wenn zwei Universitäten es schaffen, sich bei aller Unabhängigkeit hier eng abzustimmen und gemeinsam zu planen, entsteht eine erhebliche Hebelwirkung. Das bezieht sich aber ebenso auf die Karrierewege unserer Forscher:innen, wo wir an einem Strang ziehen und für uns die Verwirklichung von Diversität als nachweislich exzellenzrelevanter Faktor ein großes Anliegen ist.
Hinzu kommt, dass wir wesentliche Werte teilen: Inter- und Transdisziplinarität, gesellschaftliches Engagement, Forschendes Lernen, Nachhaltigkeit. Das erleichtert die Zusammenarbeit erheblich. Bislang sind beide Universitäten mit jeweils zwei Exzellenzclustern stark gewachsen. Das nun zusammenzuführen, andere Bereiche zu stärken und partizipieren zu lassen wird zusätzliche Mehrwerte erzeugen.
Sie treten gemeinsam mit dem Oldenburger Präsidenten Ralph Bruder an. Wie funktioniert diese Doppelspitze?
Wir führen die Allianz gemeinsam. Zentrale Entscheidungen werden im gemeinsamen Steering Board getroffen, in dem beide Rektorate beziehungsweise Präsidien vollständig vertreten sind. Dort werden alle Themen, die beide Universitäten betreffen, gemeinsam beraten und entschieden. Unsere Akademischen Senate haben sich bereits zweimal zu gemeinsamen Sitzungen getroffen und Beschlüsse gefasst. Im Exzellenzverbund sehen wir eine Reihe partizipativer und beratender Elemente vor. Es ist die Allianz beider Unis, nicht einzelner Personen an der Spitze.
Der Antrag trägt den Titel „Connecting for Tomorrow”. Was steckt hinter diesem Leitmotiv?
Es steht für Kooperation und Verbindung. Auf die großen Herausforderungen unserer Zeit antworten wir mit Zusammenarbeit und einem starken Netzwerk aus beiden Universitäten, Groningen, dem Hanse Wissenschaftskolleg und den außeruniversitären Instituten an beiden Standorten. Menschen aus den Einrichtungen zusammenzuführen, ungeachtet von räumlichen, fachlichen oder kulturellen Grenzen, ist ein zentraler Beitrag der Allianz.
Im Antrag ist von der „Vision einer neuen Universität“ die Rede. Was genau ist neu an dieser Vision und worin unterscheidet sie sich von traditionellen Universitätsmodellen?
Wir wollen keine neue Universität gründen, sondern den Verbund nutzen, um unsere beiden Universitäten in einer sich dynamisch verändernden Welt neu zu positionieren. Traditionell generieren Universitäten durch Grundlagen- und Anwendungsforschung neues Wissen, bilden Studierende aus und transferieren Wissen in die Gesellschaft. Nichts daran ist falsch oder obsolet, aber die Erwartung der Gesellschaft an Universitäten verändert sich. In dem was wir tun, sollen die großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Gesundheit, Klimawandel, Energieversorgung oder Ungleichheit adressiert werden. Die Forschung soll Impact haben, indem sie Lösungen beisteuert und viel stärker als bisher die Impulse aus der Gesellschaft in Forschung und Lehre aufnimmt. Die neue Rolle besteht darin, neues Wissen ko-kreativ, auch mit Wissensträgern außerhalb von Academia, zu erzeugen. Das ist relativ neu für Universitäten – es muss errungen und im Einklang mit Wissenschaftsfreiheit umgesetzt werden. Es steht nicht im Gegensatz zu Exzellenz, sondern ist Teil unseres Weges: Exzellenz in gesellschaftlicher Verantwortung. Diese institutionelle Strategie, in eine neue Rolle hineinzuwachsen, ist keine Kleinigkeit und nichts Kurzfristiges, aber die Allianz macht sich auf den Weg. Es ist zudem auch ein wichtiger Beitrag, der zunehmenden Wissenschaftsfeindlichkeit entgegenzuwirken.
In der Bewerbung stellen Sie die Menschen ins Zentrum. Was bedeutet das konkret?
Unser Ansatz steht für „Connecting“, und das geschieht durch die Menschen in den Institutionen: über die Grenzen der Bundesländer und die inner-europäische Grenze zu den Niederlanden, über Fächergrenzen, zwischen Universitäten, außeruniversitären und nicht akademischen Akteuren sowie über Kulturen hinweg.
Wir wissen, dass die Gemeinschaft unserer Universitäten durch die Menschen – Forschende, Lehrende, Studierende, Mitarbeitende in Technik und Verwaltung – gemacht wird. Wir legen großen Wert auf Diversität und Zugehörigkeit, beides ist eine Daueraufgabe. Nur wer sich an der Institution zugehörig fühlt, kann seine Kreativität entfalten. Für Menschen aus benachteiligten Gruppen ist dies ungleich schwerer. Wir wollen dem entgegenwirken, Aufmerksamkeit dafür stiften und uns Bereiche zum Vorbild nehmen, die damit schon weiter sind.
Was haben eigentlich die Studierenden von der Exzellenzstrategie?
Neben der Forschung haben wir im Exzellenzverbund die Studierenden klar im Blick. Die Transformation von Lehre und Studium ist eine zentrale Säule. Mit dem Future Learning Hub werden wir forschend die Methoden und Praktiken des Lehrens und Lernens zeitgemäß weiterentwickeln, schließlich haben wir die wissenschaftliche Fachexpertise dafür im Haus und binden zusätzliche ein. Mit der eine fachlich und quantitativ starken Lehrer:innenbildung in Oldenburg und der korrespondierenden Bremischen Expertise werden wir die Zusammenarbeit mit Schulen stärken, auf den ersten Blick ungewöhnlich für einen Exzellenzantrag, für uns sehr naheliegend: Lehrer:innen sind DIE Multiplikator:innen in der Gesellschaft, die großen Impact entfalten. Diese gesellschaftliche Hebelwirkung verstehen wir als besondere Stärke und akzentuieren sie bewusst.
Viele Menschen verbinden mit der Exzellenzförderung die Sorge, dass vor allem einzelne Leuchttürme profitieren. Wie stellen Sie sicher, dass die gesamte Universität profitiert?
Die Förderlinie Exzellenzuniversität zielt ausdrücklich darauf, die Wettbewerbsfähigkeit von Universitäten in der Breite zu stärken. Wir brauchen Spitze (Cluster), um dann auch in der Breite wirken zu können. Die vorgesehenen Maßnahmen kommen potentiell allen Fachbereichen zugute, etwa über den Research Fund Northwest, den Engagement Hub oder verbesserte Services, die Forschenden die Konzentration und damit mehr Zeit für Forschung ermöglichen. Das Ganze lebt davon, dass auch unkonventionelle, innovative Ideen unterstützt werden.
Die nächste Generation wird gezielt befähigt, gesellschaftliches Engagement mit exzellenter Forschung zu vereinen. Das soll sichtbar werden und uns auch als Vorbild positionieren.
Die Universität Bremen hat bereits Erfahrungen als Exzellenz Universität gesammelt. Inwiefern baut die Alliance darauf auf?
Wir haben aus der früheren Exzellenzuniförderung (2012-2019) heraus Strukturen entwickelt und wissen, dass viele Maßnahmen in die Breite wirken. Es gibt eine im Vergleich zu damals hohe Akzeptanz, weil die Mitglieder der Universität Bremen diese Erfahrungen kennen. Wertvolle Ergebnisse der damaligen Förderung sind BYRD – Bremen Early Career Researcher Development, die wissenschaftliche Einrichtung „Worlds of Contradiction“ und die BIGSSS – Bremen International Graduate School in the Social Sciences.
Nehmen wir an, Bremen und Oldenburg werden als Exzellenzverbund ausgewählt: Wie sieht die Universität Bremen nach sieben Jahren aus?
Wir haben deutlich mehr gemeinsame Projekte, gemeinsame Erfolge bei der DFG und EU, eine höhere Mobilität zwischen den Universitäten und mit Groningen. Die Förderung der Early Career Researchers ist stark ausgebaut, insbesondere im Bereich transdisziplinärer Forschung mit gesellschaftlichem Impact.
Die nächste Generation wird gezielt befähigt, gesellschaftliches Engagement mit exzellenter Forschung zu vereinen. Das soll sichtbar werden und uns auch als Vorbild positionieren.
Ist die Alliance ein Zukunftsmodell?
Ja, das ist sie. Sie soll modellhaft sein, auch weil wir mit Groningen den nationalen Grenzraum überschreiten. Europäische Exzellenzmodelle werden wissenschaftspolitisch viel diskutiert, wir zeigen, wie es gehen kann. Hier können wir ein Beispiel geben.
Welche Erwartungen verbinden Sie persönlich mit der Northwest Alliance?
Ich sehe eine große Chance, voneinander zu lernen, mit Oldenburg und mit Groningen, auch darin, wie wir uns in der Organisationsstruktur modern aufstellen. Dieser Austausch ist eine spannende Aufgabe und bietet Potenzial für alle Seiten.
