
Vom Ozeanboden bis zum Mars, vom Hörsinn des Menschen bis zur Navigationsfähigkeit von Tieren: Im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern erhalten vier Exzellenzcluster der Universitäten Bremen und Oldenburg seit Januar 2026 eine auf sieben Jahre angelegte Förderung.
Der Ozeanboden – unerforschte Schnittstelle der Erde

Im Exzellenzcluster „Der Ozeanboden – unerforschte Schnittstelle der Erde“ bündeln die Universitäten Bremen und Oldenburg ihre Kompetenzen, um die Rolle des Ozeanbodens für Stoffkreisläufe und Biodiversität unter sich ändernden klimatischen Bedingungen weiter zu entschlüsseln. Ziel ist auch, wissenschaftliche Grundlagen für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der Ozeane zu liefern.
Der Ozeanboden übernimmt als eine wichtige dynamische Schnittstelle weitreichende Funktionen für das gesamte Erdsystem. Die Forschenden nehmen Prozesse in den Blick, die globale Stoffflüsse am Ozeanboden kontrollieren:
Sie wollen unter anderem entschlüsseln, wie Teilchen, die etwa von abgestorbenen Lebewesen stammen, zum Ozeanboden gelangen und welche Prozesse beeinflussen, wie sich diese Teilchen verändern – auch unter sich verändernden Umweltbedingungen. Zudem wollen die Forschenden den Transfer von Kohlenstoff und anderen Elementen zwischen Ozeanboden und Meerwasser bilanzieren und verstehen, wie Ökosysteme am Ozeanboden auf Umweltveränderungen reagieren. Aufgrund ihrer wissenschaftlichen und technologischen Komplexität können diese Ziele nur durch einen interdisziplinären Forschungsverbund erreicht werden.
Professor Heiko Pälike
Heiko Pälike ist seit 2012 Professor für Paläoozeanographie an der Universität Bremen. Zuvor war er an der University of Southampton und der Stockholm University tätig. Er studierte Geowissenschaften an der University of Cambridge und am University College London. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Klimageschichte des Känozoikums, Meeresgeologie, Paläoklimatologie sowie Milanković-Zyklen. Dabei verbindet er mathematische Orbitalmechanik mit klimatischen Antriebsmechanismen. Er hat umfangreich zu den International Ocean Drilling Programs beigetragen, Ausschüsse mitgeleitet und wissenschaftliche Strategien mitentwickelt. Derzeit ist er Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Der Ozeanboden“.
Professorin Gesine Mollenhauer
Gesine Mollenhauer ist seit 2011 Professorin für Organische Sedimentologie an der Universität Bremen und leitet am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar und Meeresforschung das MICADAS 14C-Datierungslabor. Nach der Promotion in Marine Geologie war sie als Postdoktorandin am Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI, USA) sowie am Royal Netherlands Institute for Sea Research (NIOZ, Niederlande), bevor sie erst eine Nachwuchsgruppe und später den Fachbereich Geowissenschaften am AWI geleitet hat. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Erforschung des marinen organischen Kohlenstoffkreislaufs, der Altersbestimmung in Sedimenten sowie dem Transport von Sedimenten. Sie ist Co-Sprecherin des Exzellenzclusters „Der Ozeanboden“.
Professor Helmut Hillebrand
Seit 2008 ist Helmut Hillebrand Professor für Pelagische Ökologie am Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität Oldenburg und leitet seit 2017 das Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität. In seiner international anerkannten Forschung verbindet er experimentelle Ansätze mit datenbasierter Analyse und quantitativen Synthesen, um Ursachen und Folgen von Veränderungen der biologischen Vielfalt zu untersuchen. Darüber hinaus ist er Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Der Ozeanboden“, Leiter der DFG-Forschungsgruppe DynaCom sowie Mitglied der Ständigen Senatskommission für Grundsatzfragen der biologischen Vielfalt der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Die Marsperspektive – Ressourcenknappheit als Grundlage eines Paradigmas der Nachhaltigkeit

Das interdisziplinäre Cluster-Team der Universität Bremen umfasst Forschende der Natur- und Ingenieurwissenschaften, Mathematik, Verhaltenswissenschaften und Kommunikationstechnik. Gemeinsam nehmen die Beteiligten „Die Marsperspektive“ ein, um die Produktion von Materialien und Bauteilen von Grund auf neu zu denken: Die Ressourcenknappheit und extremen Rahmenbedingungen auf dem roten Planeten dienen als experimentelles Setting, um ein neues Paradigma der Nachhaltigkeit zu entwickeln, das innovative ressourcen- und energieschonende Prozesse der Materialgewinnung und -verarbeitung ermöglicht. Langfristig soll der Cluster damit zu einer nachhaltigen Erforschung des Weltraums beitragen, vor allem aber auch den grünen Wandel auf der Erde antreiben.
Zur Simulation dieses Szenarios erlegen sich die Forschenden selbst Knappheit in vier Dimensionen auf, für die sie im Cluster Lösungen entwickeln: Limitierte Rohstoffe, limitierte elektrische Energie, limitierte Arbeitskraft und limitierte Informationen. Unter Berücksichtigung dieser Rahmenbedingungen werden drei wissenschaftliche Zielstellungen verfolgt: Erstens die Entwicklung (bio-)elektrochemischer Methoden, die ohne fossile Brennstoffe auskommen und mit denen selbst aus minderwertigem Ausgangsmaterial Metalle, Kunststoffe und weitere (überlebenswichtige) Rohstoffen wie zum Beispiel Sauerstoff gewonnen werden können. Zweitens die experimentelle Demonstration von Niedrigenergie-Prozessketten, mit denen aus den gewonnen Rohstoffen eine Reihe von Bauteilen in hinreichender Qualität („enough-to-use“) hergestellt werden können. Drittens die Konzeption neuartiger Bedienkonzepte für Produktionsanlagen, die gemeinsam von kleinen Teams aus Mensch und Roboter unter großen Unsicherheiten und begrenzten Informationen betrieben werden.
Professor Marc Avila
Marc Avila studierte Mathematik in Barcelona, während eines Auslandssemsters in Glasgow entdeckte er seine Leidenschaft für Strömungsmechanik. Anschließend promovierte er in Angewandter Physik und Wissenschaftlichen Simulation an der Polytechnischen Universität Katalanien. Nach Stationen in Göttingen und der Universität Erlangen-Nürnberg, ist er nun seit 2016 Leiter des Zentrums für Angewandte Raumfahrt und Mikrogravitation (ZARM) und Professor für Strömungsmechanik an der Universität Bremen. Zusammen mit Kirsten Tracht ist er Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Die Marsperspektive“.
Professorin Kirsten Tracht
Kirsten Tracht interessierte sich schon früh für Naturwissenschaften und Mathematik, dies führte sie zu ihrem Studium des Maschinenbaus an der Universität Hannover, wo sie 2001 auch promovierte. Seit 2008 ist sie Professorin für Technologie-Orientiertes Prozessdesign und Leiterin des Bremer Instituts für Strukturmechanik und Produktionsanlagen (bime) der Universität Bremen. Zusammen mit Marc Avila ist sie Co-Sprecherin des Exzellenzclusters „Die Marsperspektive“ und leitet dort den Forschungsbereich Produktion.
Hearing4all.connects

Die Forschenden des Clusters Hearing4all, ein Verbund der Universität Oldenburg mit der Medizinischen Hochschule Hannover und der Leibniz Universität Hannover, wollen die Prognose, Diagnostik und Behandlung von Hörverlust verbessern. In zwei zurückliegenden Förderperioden seit 2012 hat Hearing4all (H4a) dabei bereits bedeutende Ergebnisse erzielt. Nun binden die Beteiligten neue Forschungsdisziplinen ein, um das Thema Hörverlust noch umfassender zu untersuchen, unter anderem verwenden die Forschenden neue genetische Methoden. Wie KI dabei helfen kann, mit Hörgeräten und -implantaten wichtige von unwichtigen Klangquellen besser zu unterscheiden, ist ebenfalls Forschungsgegenstand. Gemeinsame Datenstandards sollen es ermöglichen, KI-basierte Systeme zu trainieren, um so individuell die Wahrscheinlichkeit vorherzusagen, mit der ein Hörverlust eintreten kann.
Hörgeräte zur „Gesundheitszentrale am Ohr“ weiterzuentwickeln, ist ein weiteres Forschungsfeld. Am Ohr erhobene Sensordaten könnten Langzeitdaten für medizinische Untersuchungen liefern und helfen, gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen. Im Mittelpunkt steht zudem die Lebensrealität der Menschen, etwa die Bedeutung von Mehrsprachigkeit für das Hören oder der Wert des Hörens für soziale Interaktionen. Zentral ist die enge Zusammenarbeit mit außeruniversitären Partnern, die die zeitnahe Anwendung der Forschungsergebnisse in der Praxis unterstützten.
Professorin Christiane Thiel
Christiane Thiel ist seit 2005 Professorin für Kognitive Neurobiologie am Department für Psychologie der Universität Oldenburg. Ihr Forschungsspektrum reicht von auditiver Verarbeitung über Aufmerksamkeit bis hin zu Neuromodulation. Professorin Thiel hat die kognitive Neurowissenschaft an der Universität Oldenburg als Spitzenforschungsgebiet etabliert, eine moderne Forschungsinfrastruktur für Neurobildgebung aufgebaut und einen internationalen Masterstudiengang ins Leben gerufen. Sie ist Sprecherin des Graduiertenkollegs „Neuromodulation motorischer und kognitiver Funktionen im gesunden und kranken Gehirn“ und des Exzellenzclusters „Hearing4all.connects“.
NaviSense

Das Team von NaviSense an der Universität Oldenburg will herausfinden, wie Tiere über große Entfernungen navigieren. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen in den Naturschutz und neue technische Entwicklungen einfließen, etwa in Quantentechnologien oder autonomen Navigationssystemen. Das Team verfolgt dabei vier Schwerpunkte: Zum einen erforscht NaviSense die grundlegenden Mechanismen der Magnetwahrnehmung und anderer Sinne, die Tiere zum Navigieren verwenden. Untersucht werden etwa der Magnet- und Himmelskompass sowie die Verarbeitung der Sinneswahrnehmungen im Gehirn. Da der Magnetsinn von Vögeln vermutlich auf einem Quanteneffekt beruht, stehen im zweiten Schwerpunkt quantenphysikalische Phänomene im Fokus – insbesondere solche, die wie die Magnetwahrnehmung bei Raumtemperatur stattfinden. Da sich aktuelle Quantentechnologien meist nur bei extrem niedrigen Temperaturen realisieren lassen, wäre es ein großer Fortschritt, quantenphysikalische Prozesse bei höheren Temperaturen technisch nutzbar zu machen.
Im dritten Schwerpunkt nutzt das Team die Erkenntnisse der Navigationsbiologie für den Naturschutz. Wandernde Tierarten leiden besonders stark unter Klimawandel und dem Verlust von Lebensräumen. Doch Bemühungen, bedrohte Spezies an geeigneten Stellen neu anzusiedeln, scheitern häufig. Ziel ist es, bessere, wissenschaftsbasierte Schutzstrategien zu entwickeln. Im vierten Schwerpunkt entwickelt und erprobt das Team von NaviSense Modelle und Algorithmen für virtuelle und reale Robotersysteme, die von der Tiernavigation inspiriert sind – zum Beispiel Sensoren oder autonome Navigationssysteme.
Professor Henrik Mouritsen
Henrik Mouritsen wurde 2007 als Professor für Neurosensorik an das Institut für Biologie und Umweltwissenschaften der Universität Oldenburg berufen, nach Leitung einer Freigeist-Nachwuchsgruppe der VolkswagenStiftung und einer Lichtenberg-Professur. Er gilt international als führend auf dem Gebiet der Tiernavigation und Magnetorezeption. Er ist Träger eines ERC Synergy Grants (mit der Universität Oxford), des Eric Kandel Preises für Neurowissenschaften und Sprecher des Exzellenzclusters „NaviSense“.
Über die Exzellenzstrategie
Im Rahmen der Exzellenzstrategie haben die Universität Bremen und die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg im November 2025 ihren gemeinsamen Antrag „Northwest Alliance: Connecting for Tomorrow“ fristgerecht beim Wissenschaftsrat eingereicht. Mit dem Antrag verfolgen beide Universitäten die Vision, den Nordwesten zu einer international sichtbaren Wissenschaftsregion weiterzuentwickeln, exzellente Bedingungen für zukunftsgerichtete Forschung und Lehre zu schaffen und den Austausch zwischen Universität und Gesellschaft weiter zu stärken. Bei einem erfolgreichen Antrag würden die Universitäten Bremen und Oldenburg ab 2027 eine Förderung für ihr strategisches Zukunftskonzept erhalten. Die Entscheidung fällt im Oktober 2026.
Mit der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern wird das Ziel verfolgt, den Wissenschaftsstandort Deutschland langfristig zu stärken und seine internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter auszubauen. Das Programm wird gemeinsam von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Wissenschaftsrat in zwei Förderlinien umgesetzt: den Exzellenzclustern zur Förderung international sichtbarer Forschungsfelder sowie den Exzellenzuniversitäten, mit denen Universitäten oder Universitätsverbünde dauerhaft in ihrer strategischen Entwicklung gestärkt werden. Voraussetzung für die Förderung als Exzellenzuniversität ist der Erfolg in der Clusterförderung; Einzeluniversitäten benötigen mindestens zwei, Verbünde mindestens drei Exzellenzcluster.






